A matter of time

Rede von Dr. Peter Funken zur Ausstellungseröffnung von A matter of time 

Die Künstlerin, die heute ihre neue, dreiteilige Arbeit in Ingolstadt vorstellt ist eigentlich eine Malerin – jedenfalls

hat sie Malerei an der Berliner Universität der Künste studiert und sie legt auch Wert darauf, dass man ihre Arbeiten, die man – wie man hier sieht – durchaus auch als fotografische oder installative Werke bezeichnen könnte, im Sinne des Malens – aber mit anderen Mitteln und im Sinne einer Bildproduktion begreift. In ihrem Sinne begegnen uns in dieser Ausstellung drei Bilder, die ein einziges dreiteiliges Bild darstellen.

Wachmanns Bildwelt ist seit Jahren eine weiße Welt, eine Welt in der ein extrem helles Licht zum Einsatz kommt.

Dieses weiße helle Licht taucht die Situationen, die wir erkennen, in eine unwirkliche Atmosphäre, die sie von der anscheinend normalen, farbigen Wirklichkeit scheidet und dieser weißen Welt eine Autonomie geben.

Was ist hier zu sehen und wie können wir das Gesehene begreifen? In allen drei Einzelarbeiten sind Räume und Tiere abgebildet. Da sind zuerst einmal die beiden Fotografien – hier sitzt ein Bussard im Bildzentrum anscheinend in einem Raum mit Fenster und vor diesem Raubvogel erkennen wir eine herab gefallene oder herabgestürzte Jalousie, die dort liegt und in gewisser Weise eine Ähnlichkeit mit einem großen Flügel aufweist.

Im zweiten Foto steht in einem Innenraum, der dann wieder in der installativen Arbeit real zu sehen ist, ein Fuchs, der seltsam aufrecht an dem Vorhang steht oder lehnt – auch dieser Vorhang ist an einer Seite herab gerissen – gewiss anders und doch letztlich vergleichbar der Jalousie im ersten Foto.

Der Sehraum der Installation zeigt nun real den Raum des letzten Fotos – hier wieder der Vorhang und der Fuchs – dieser liegt zusammengerollt und wie schlafend auf einem Tuch und einem auseinander gerissenen Karton – das Tier hat Augen – aus Glas – und dies ist in diesem weißen Raum die einzige zusätzliche Farbe. Der Vorhang mag einmal vor dem Fenster gehangen haben – er wurde zurückgezogen – und durch das milchige Glas sehen auf eine Szene in der wieder Vögel erscheinen – wieder ist der Bussard anwesend – der vom ersten Foto – doch ist er in Bewegung als würde er fliegen – und davor ein kleinerer Raubvogel – ein Sperber und der trägt im Schnabel als Beute einen kleineren Vogel – und man könnte meinen, dass der Bussard es auf diese Beute des Sperbers abgesehen hat oder auch dass der Sperber einfach schneller und wendiger war und zuerst diese Beute machte – aber das sind Spekulationen – und dann ist da noch eine Krähe und auch dieser schwarze Vogel ist ein hellweißes Tier – und so sehen wir als Menschen, die anscheinend in einen Raum hineinsehen durch das Fenster einen Szene, die draußen in der Natur angesiedelt ist und wo es um Leben und Tod geht um Jagen und gejagt werden – einen Moment dieser Szene sehen wir, wie erstarrt, wie ein Bild oder eine Momentaufnahme, nur dass diesmal der Raum drei dimensional ist im Unterschied zu den beiden Fotos. In dieser Installation scheint der Fuchs als uninteressierter Protagonist, der im Raum schläft und die Vögel vor dem Fenster bei ihrem Treiben völlig unbeobachtet lässt. Der schlaue Räuber verschläft das spannende Ereignis in seinem Rücken.

Das Ganze – ich meine jetzt die drei Teile dieser Arbeit, die ja den Titel „Eine Frage der Zeit“ trägt – wirkt rätselhaft und ein wenig wie im Märchen oder in einem merkwürdigen Traum – in der großen Helligkeit entstehen weiche Übergänge.

Die Tiere erscheinen in dieser Arbeit so wie Schauspieler oder Akteure – besonders beim Fuchs, der auf seinen Hinterbeinen am Vorhang steht, erscheint mir dies auffallend.

Nun sind Tiere insbesondere in der literarischen Form der Fabel immer wieder Stellvertreter des Menschen und seiner Gesinnung – etwa bei Aesop und bis in die literarische Moderne hinein – denken Sie an Franz Kafka und seine Mensch-Tier-Vergleiche.

In der Fabel ist das Tier ein Stellvertreter für den Menschen und in der Fabel wird die Sache immer auf den Punkt gebracht.

Die Fabel ist ein Lehrstück über Moral und Amoral, Schlauheit und Dummheit, Gelingen und Misslingen, Opfer und Täter.

In der Fabel gibt es fast immer einen Klugen und einen Dummen, den Guten und den Bösen. Der Fuchs ist in der Fabel beständig ein Akteur – und anders als etwa der Bär ist er immer der Schlaue und Gerissene.

Wenn das gerade Gesagte stimmen sollte – so hätten wir es hier mit einer nicht literarische sondern bildhaften Fabel zu tun – übrigens eine Form der Darlegung in der bildenden Kunst, die immer wieder gesucht wurde – etwa von Kokoschka und Slevogt im 20. Jahrhundert und viel früher ebenfalls – man findet in den Bildern von Breugel und Bosch fabelartige Kommentare oder an Sprichwörter erinnernde Darstellungen bei denen Tiere eine wichtige Rolle spielen.

Hier nun wieder und doch ist der Sinn in den von Wiebke Maria Wachmann vorgeführten Szenen nicht vollends eindeutig und klar und lässt Spekulationen zu – da ist dann wieder das Surreale und Traumhafte mit seinen Mehrdeutigkeiten wirkungsvoll.

Im Fensterausschnitt sehen wir in dieser Arbeit – geradezu wie in einem Bild im Bild – die Szene der Jagd oder des Abjagens sowie ein Opfer – eben die Beute – der Bussard könnte aber auch ein Opfer sein, dem der Sperber eben die Beute entrissen hat und ebenfalls kann man denken, dass das Ganze, was da passiert noch weiter geht und der größere Vogel, eben der Bussard, dem Sperber in wenigen Momenten seinen Fang wieder abnehmen wird. Das bleibt hier unklar, wäre aber denkbar und wird mit der Darstellung weder nahe gelegt noch geleugnet. Wenn das stimmt, so hätten wir es mit einer merkwürdigen Verknüpfung von Täter- und Opferrollen zu tun – der schnelle Sperber wäre dann Täter und könnte alsbald Opfer der Attacke durch den Bussard werden, der Bussard, dem der Sperber seine Beute abgejagt hat, wäre dessen Opfer und immer ist die Beute ein Opfer.

Die Rollen sind demnach nicht eindeutig und wechseln – ganz so wie in unserem Leben – wenn man einmal ein wenig länger darüber nachdenkt, sind wir immerzu in diesen Rollen – mal mehr Opfer, dann mehr Täter – das ist in unserer Gesellschaft zu einem beständigen Muster geworden – wobei die übelsten Täter-Geschichten natürlich im Sinne des Gesetzes strafbar sind und geahndet werden, aber die Konstellation Opfer Täter ist dadurch nicht getilgt und aus der Welt geschafft – sie findet eigentlich in einem nicht strafwürdigen Zusammenhang immerzu und als fast schon Normales statt – wobei es natürlich immer auch darum geht, ob man sein eigenes Opfer wird, ob man sich zum Opfer gut oder schlecht eignet und wie man verhindert dauernd zum Opfer zu werden.

Davon könnte diese Arbeit im weiteren Sinne handeln – jedenfalls kam ich bei einem Gespräch mit Wiebke Maria Wachmann an diesen Punkt – es ist aber keineswegs die einzige Möglichkeit, so meine ich, über dieses dreiteilige Werk zu reden – es bietet gewiss auch andere Zugänge und einer liegt in der Form und der Wirkungsweise seiner Darbietung – also die extreme Situation der Helligkeit, die man durchaus im Sinne der Vorstellung des „Erhabenen #oder „Sublimen“ in der Malerei seit der Romantik und bis in die Gegenwart diskutieren kann, denn erst durch die Radikalität dieser „Weißen Welt“ Wiebke Maria Wachmanns entsteht eine von der routinierten Normalität abgelöste Ebene der Betrachtung, die bei ihren Arbeiten immer auf ein geistiges Feld zielt, eine Form der Erhebung und – ich sage einmal – Erleuchtung einer Situation. Die Beleuchtung trägt dabei in andere Sphären der Vorstellung und bringt diese zum Schweben. Um zum Ende meines kurzen Vortrages dafür noch ein Beispiel zu bringen: Vor fast zehn Jahren hat die Künstlerin, die ja in Berlin lebt, in der Mitte der Stadt in einer Sommernacht einen übergroßen Voll-Mond aufgehen lassen – wieder ein Objekt von der Filmproduktion – nämlich einen Ballonartigen Beleuchtungskörper, der mit Gas gefüllt war und wie ein überdimensionaler Mond am Himmel erschien. Es entstand eine völlig wundersame und romantische Situation, als dieser Mond über den Dächern schwebte – einfach Atem beraubend. Aber das sollte Kunst eigentlich können – einem den Atem verschlagen, auf dass man ins sinnliche Denken eintaucht.

This entry was posted in Allgemein.