Erika Pfeiffer

SCHNEEWEIßE UNGEHEUERLICHKEITEN

über die Einzelausstellung „Eine Frage der Zeit“ im Kunstverein Ingolstadt

von Erika Pfeiffer (english version coming soon)

 

Der erste Blick schmerzt. Es dauert einen Moment, bis sich die Pupillen an das gleißende Licht gewöhnen. Geblendet kneift man die Augen zusammen, sieht gar nichts. Dann erkennt man den halb herunter gerissenen Vorhang, das beschlagene Fenster. Nur eine kleine Stelle ist frei gekratzt, dahinter lauert Nebel und – ein Schauer läuft einem über den Rücken – dort draußen fliegt ein Greifvogel mit seiner Beute vorbei, in seinen Krallen hängt ein Vögelchen. Vor kahlen Stämmen ziehen noch ein weiterer Raubvogel und – schwer erkennbar – eine Krähe ihre Kreise. Erst jetzt fällt der Blick auf den zusammengerollten weißen Fuchs am Boden. Er scheint das sich abspielende Drama zu verschlafen. Die fabelhafte Welt der Wiebke Maria Wachmann: Die Berliner Künstlerin taucht in ihrer Fotoarbeit in der Galerie im Theater ein surreales Szenario in grelles Licht. Wer hat die Türklinke herunter gedrückt und beobachtet den Fuchs?

„Eine Frage der Zeit“ nennt die Berliner Künstlerin Wiebke Maria Wachmann ihre (alb)traumhafte Rauminstallation und die dazu gehörenden Fotoarbeiten, die der Ingolstädter Kunstverein heute Abend erstmals zeigt. Der Titel erinnert an die märchenhafte Anfangssequenz „Es war einmal“, und tatsächlich provoziert Wachmann in ihrer fabel- und traumhaften Schau die Fantasie des Betrachters.

Welche Macht oder welcher Magier hat die Türklinke auf dem 1,40 mal 1,09 Meter großen schneeweißen Bild heruntergedrückt und beobachtet den (jetzt wachen) Fuchs, der wiederum ins Freie starrt? Was erwartet auf dem zweiten Foto den Greifvogel vor der heruntergebrochenen Jalousie? Will er in die schneereiche, eiskalte Freiheit fliegen oder sind seine hängenden Schwingen lahm? Und wo versteckt sich das unterschwellige Böse?

Hinter dem scheinbar arglosen Fuchs oder in dem scheinbar brutalen Greifvogel? „In meinem Werk geht es um ambivalente Empfindungen, auch um die Frage nach Täter und Opfer“, erklärt Wiebke Maria Wachmann. Das Schlüssel-erlebnis, das sie zur „Eine Frage der Zeit“-Idee inspirierte, spielte sich an einem kalten Morgen in Neukölln ab. Vor ihrem Auto stieß plötzlich ein Raubvogel nieder und riss eine Taube. Das Seltsame: Ausgerechnet in der vorangegangenen Nacht hatte sie eine ähnliche Szene in einem Film beschäftigt, die sie schlecht schlafen ließ. Eineinhalb Jahre lang arbeitet die 38-Jährige schon an dieser verstörenden und zugleich faszinierenden Bildraum-Illusion, die sie jetzt für die Galerie im Theater ins grelle Scheinwerferlicht rückt.

Wachmann hat Malerei an der HdK Berlin studiert. Im Lauf der Jahre reduzierte die Meisterschülerin den Einsatz von Farbe mehr und mehr, um sich der allgegenwärtigen Reizüberflutung zu widersetzen. Zwiespältigkeiten entlarvt sie, indem sie scheinbar Banales und Alltägliches in ein anders, sublimes Licht taucht. Eine Naturgewalt kann bei ihr herrlich oder schrecklich sein, je nachdem aus welcher Perspektive man sie beleuchtet. Ein kreisender Adler bedeutet für den Singvogel das Ende, für uns ist er der Inbegriff der Freiheit. Der erste Blick dieser Schau schmerzt. Aber dann ziehen einen diese wunderbar schaurigen Traumbilder in ihren Bann und entfalten ihren lange nachwirkenden Zauber.